Die Wahrheit der Piraten:
Kodex, Mythen & Geschichte
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung: Faszination der Antihelden
Die anhaltende Faszination für Piraten, wie sie in Romanen und Filmen dargestellt werden, beruht auf der Verklärung der Piraten als ultimative Antihelden. Sie verkörpern die absolute Freiheit von staatlicher oder kirchlicher Autorität, den Traum von schnellem Reichtum, das pure Abenteuer in exotischen Regionen und die Umkehrung der gesellschaftlichen Ordnung.
Der folgende Bericht stellt die historischen Fakten der Piraterie, ihre europäische Dimension und die oft brutale Wahrheit den romantischen Mythen gegenüber.
2. Definitionen und Formen der Seeräuberei
Die Art des Seeraubs war stark vom Auftraggeber abhängig:
- Pirat (Seeräuber): Handelt illegal und ausschließlich zum eigenen privaten Vorteil. Ein Pirat war stets Feind aller Nationen.
- Freibeuter (Korsar, Kaperfahrer): Erhält einen staatlichen Kaperbrief (von Großbritannien, Frankreich, Spanien etc.) und darf damit feindliche Handelsschiffe angreifen. Ein Großteil der Beute wurde oft mit dem König geteilt.
- Seefahrer: Oberbegriff für alle Personen, die beruflich oder privat auf den Meeren unterwegs sind.
- Korsar: Meist synonym zu Freibeuter verwendet, oft mit Bezug zum Mittelmeer oder französischen Kapitänen.
- Kaperfahrer: Der Inhaber eines Kaperbriefs.
- Bukanier: Ursprünglich Jäger in der Karibik, die später zu Piraten wurden.
3. Europäische Piraterie in den Regionen
Die Piraterie war in Europa geografisch und zeitlich unterschiedlich ausgeprägt und hatte tiefgreifende Auswirkungen auf Handel und Küstenbevölkerung:
3.1 Nord- und Ostsee (Deutschland, Hansezeit)
Die Vitalienbrüder (auch "Likedeeler" genannt) waren im 14. Jahrhundert aktiv und wurden zur größten Bedrohung der mächtigen Hanse, des norddeutschen Handelsbundes. Ihr berühmtester Anführer war Klaus Störtebeker, dessen Legende tief in der Geschichte Norddeutschlands verwurzelt ist.
Die Barbaresken-Korsaren (unter dem Einfluss des Osmanischen Reiches / der Türkei) terrorisierten vom 16. bis ins 19. Jahrhundert die Schifffahrt. Sie führten brutale Küstenrazzien in Spanien, Italien und sogar bis nach Island durch, um europäische Christen zu entführen und auf den Sklavenmärkten zu verkaufen.
3.3 Atlantik und Karibik (Großbritannien, Frankreich, Spanien)
Spanien war das Hauptziel, da es die Gold- und Silberflotten aus der Neuen Welt nach Europa führte. Großbritannien und Frankreich setzten Freibeuter (z.B. Henry Morgan) gezielt ein, um die spanische Vormachtstellung auf See zu schwächen und eigene Kolonialreiche aufzubauen.
4. Beutegüter und Handelsrouten
Piraten konzentrierten sich auf die am stärksten frequentierten und profitabelsten Handelsrouten. Die Beutegüter spiegelten den globalen Handel der jeweiligen Epoche wider:
- Atlantik/Karibik: Gold, Silber, Edelsteine, Tabak, Zucker, Gewürze, Indigo und Sklaven (als teure fracht). Die spanische Silberflotte war das Hauptziel.
- Nordsee/Ostsee: Salz (ein extrem wichtiges Konservierungsmittel der Hansezeit), Getreide, Pelze und Fisch.
- Mittelmeer: Hauptsächlich Menschen (zum Lösegeld oder Sklavenhandel) sowie hochwertige Handelswaren aus Asien und dem Nahen Osten.
- Indischer Ozean: Textilien, Gewürze und Juwelen aus Indien und dem Mogulreich.
5. Bevorzugte Schiffstypen und Taktiken
Piraten kaperten ihre Schiffe und bauten sie um. Sie wählten Schiffe nach Geschwindigkeit und Wendigkeit aus, um schnelle Überfälle durchzuführen und größeren Marineeinheiten in flache Meere entkommen zu können.
- Schaluppe (Sloop): Der bevorzugte Schiffstyp im Goldenen Zeitalter. Sie waren klein, schnell und hatten einen geringen Tiefgang.
- Brigantine/Schoner: Zweimaster, die Geschwindigkeit mit etwas mehr Tragfähigkeit kombinierten.
6. Die Bewaffnung der Piraten
Die Bewaffnung war auf den schnellen Nahkampf (Entern) ausgelegt, da Piraten Schiffe meist kampfunfähig machen, aber nicht versenken wollten, um die Beute zu erhalten.
Nahkampf und Seitenwaffen:
- Entermesser (Cutlass): Die ikonischste Waffe, ideal für den beengten Nahkampf an Bord.
- Steinschloss-Pistolen: Piraten trugen oft mehrere Pistolen (der "Pistolen-Fächer"), da sie nur Einzelschüsse abgeben konnten.
Schwere Bewaffnung:
- Kanonen: Eher kleinere Kaliber. Sie wurden oft mit Schrott oder Kartätschen geladen, um die Takelage zu zerstören und die Besatzung zu dezimieren.
7. Berühmte Piratenkapitäne und -figuren
Die bekanntesten Piratenfiguren stammen hauptsächlich aus dem Goldenen Zeitalter (Karibik) oder der Hansezeit (Nordsee/Ostsee). Ihre Taten sind oft eng mit Mythen verwoben.
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Blackbeard (Edward Teach)
Region: Karibik, Nordamerika
Bedeutung: Der Inbegriff des gefürchteten Piraten. Kultivierte sein furchteinflößendes Image (brennende Lunten im Bart).
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Bartholomew Roberts ("Black Bart")
Region: Atlantik, Karibik, Westafrika
Bedeutung: Einer der erfolgreichsten Piraten; bekannt für seinen strengen Piratenkodex und seine Disziplin.
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Klaus Störtebeker
Region: Nord- & Ostsee (Hansezeit)
Bedeutung: Legendärer Anführer der Vitalienbrüder in Nordeuropa; oft als "Robin Hood der Meere" verklärt.
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Sir Henry Morgan
Region: Karibik
Bedeutung: Berühmter walisischer Freibeuter (Korsar), der Panama plünderte. Wurde später zum Vizegouverneur von Jamaika.
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Anne Bonny & Mary Read
Region: Karibik
Bedeutung: Zwei der bekanntesten Piratinnen des Goldenen Zeitalters, die an Bord von Calico Jack Rackham kämpften.
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Ching Shih (Zheng Shi)
Region: Südchinesisches Meer
Bedeutung: Die erfolgreichste Piratin der Geschichte; befehligte im 19. Jahrhundert eine Flotte von über 1500 Dschunken.
8. Piratennester und Hochburgen
Piratennester waren strategisch wichtige Orte, die den Seeräubern Schutz, Nachschub und vor allem einen Schwarzmarkt boten:
Europäische und Nordafrikanische Hochburgen:
9. Die Rolle der Frauen in der Piraterie
Obwohl Piratenschiffe traditionell als reine Männerdomänen galten (oft mit expliziten Verboten gegen Frauen an Bord), gab es bemerkenswerte Ausnahmen und unterschiedliche Rollen:
- Verbot und Aberglaube: Auf vielen Piratenschiffen galt die Anwesenheit von Frauen als Unglück. Die Piratenartikel sahen teils harte Strafen (bis hin zur Aussetzung) vor, wenn Männer Frauen verkleidet an Bord brachten.
- Berühmte Kämpferinnen: Die bekanntesten historischen Beispiele sind Anne Bonny (Irland) und Mary Read (England) im Goldenen Zeitalter. Sie kämpften an der Seite ihrer Crew, oft in Männerkleidung.
10. Mythos vs. Wahrheit (Filme und Literatur)
Das durch die Popkultur geprägte Bild der Piraten ist größtenteils eine romantische Verklärung. Die historischen Fakten erzählen eine nüchterne, oft brutalere Geschichte:
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Mythos: "Über die Planke gehen"
Wahrheit: Dies ist primär eine literarische Erfindung des 19. Jahrhunderts. Piraten töteten effizienter (über Bord werfen) oder setzten aus.
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Mythos: Vergrabene Schätze mit "X"
Wahrheit: Schätze wurden extrem selten vergraben. Die Beute (Waren, Gold) wurde schnell geteilt und in Hafenstädten umgesetzt.
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Mythos: Holzbein und Hakenhand
Wahrheit: Klischees, die erst im 19. Jahrhundert populär wurden. Das Leben war von Krankheit und harten Verletzungen geprägt, aber Prothesen waren selten.
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Mythos: Kanonenkugel-Schlachten
Wahrheit: Die meisten Überfälle verliefen friedlich. Die Opfer ergaben sich schnell, um ihr Leben zu retten.
11. Der Piratenkodex: Dokumente und die innere Ordnung
Piraten lebten keineswegs in völliger Anarchie. Sie hatten überraschend moderne und oft demokratische Regeln, die in handschriftlichen Verträgen, den Piratenartikeln oder Articles of Agreement, festgehalten wurden.
Wichtiges Wissen: Der soziale "Vertrag" an Bord
Der Piratenkodex war oft gerechter als die Regeln der damaligen Marine oder Handelsflotten. Er garantierte:
- Demokratie: Wahl des Kapitäns und der Offiziere; wichtige Entscheidungen wurden oft von der gesamten Mannschaft getroffen.
- Sozialversicherung: Feste Entschädigungszahlungen für schwere Verletzungen (z.B. Verlust eines Gliedes).
- Gerechte Teilung: Eine klare, festgelegte Aufteilung der Beute unter allen Mitgliedern der Crew.
12. Historische Strafen und das Ende der Ära
Brutale Strafen:
- Kielholen: Eine historisch belegte, extrem brutale Bestrafung der Marine (und selten der Piraten). Das Opfer wurde unter dem Schiffskiel hindurchgezogen, was häufig zum Tode führte.
- Aussetzung (Marooning): Eine häufige Piratenstrafe für Diebstahl oder Verrat. Das Opfer wurde auf einer einsamen Insel mit nur minimalen Vorräten zurückgelassen.
Das Ende des "Goldenen Zeitalters":
- Die Ära endete in den 1720er Jahren, als die europäischen Seemächte ihre Marine-Ressourcen bündelten und eine systematische Piratenjagd starteten.
- Die Ära der Barbaresken-Korsaren endete erst im 19. Jahrhundert durch militärische Interventionen europäischer und amerikanischer Flotten.
13. Piraterie heute: Das moderne Phänomen
Piraterie ist kein historisches Phänomen. Heute konzentriert sich moderne Piraterie hauptsächlich auf den Golf von Guinea (Westafrika) und das Horn von Afrika (Somalia). Sie zielen auf große, langsame Handelsschiffe, um Lösegelder für die Besatzung zu erpressen.
14. Literaturverzeichnis
Die hier aufgeführten Werke dienen als Quellen und weiterführende Lektüre, unterteilt in die wichtigsten Kategorien:
14.1 Historische Quellen und Chroniken
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A General History of the Pyrates von Captain Charles Johnson (vermutlich Daniel Defoe), 1724.
Beschreibung: Hauptquelle für die Biografien vieler berühmter Piraten (Blackbeard, Kidd etc.) und die Entstehung des Piratenmythos.
14.2 Prägende Fiktion und Romane
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Die Schatzinsel (Treasure Island) von Robert Louis Stevenson, 1883 (Diogenes).
Beschreibung: Der bekannteste Piratenroman, der viele moderne Klischees (Schatzkarte, Holzbein) etablierte.
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Captain Blood von Rafael Sabatini, 1922 (Heyne).
Beschreibung: Romantischer Abenteuerroman über einen Arzt, der zum Piraten wird. Prägte das Bild des "edlen Piraten".
14.3 Moderne Historische Analysen
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Unter schwarzer Flagge. Legende und Wirklichkeit des Piratenlebens von David Cordingly, 1995 (DTV).
Beschreibung: Kontrastiert die Mythen der Popkultur mit den harten Fakten des historischen Piratenlebens.
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Die Piraten. Furcht und Schrecken auf den Weltmeeren von David Cordingly, 1999 (Knaur).
Beschreibung: Historische Analyse, die den Alltag und die Brutalität der Piraterie anhand von Gerichtsprotokollen beleuchtet.
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Piraten. Die Herren der Sieben Meere von Hartmut Roder (Hrsg.), 2000 (Edition Temmen).
Beschreibung: Sammelband und Ausstellungskatalog, der die Piraterie aus verschiedenen historischen und kulturellen Perspektiven betrachtet.
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Schrecken der Ozeane. Eine kurze Globalgeschichte der Piraterie von Hartmut Roder, 2002 (Edition Temmen).
Beschreibung: Kompakte Übersicht zur globalen Geschichte des Seeraubs von der Antike bis zur Moderne.
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Villains of All Nations: Atlantic Pirates in the Golden Age von Marcus Rediker, 2004 (C.H. Beck).
Beschreibung: Sozialhistorische Studie, die Piraten als Rebellengruppe und eine Art frühe Gegengesellschaft im 18. Jahrhundert analysiert.
14.4 Jugendliteratur und Fiktion für junge Leser
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Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär von Walter Moers, 1999 (Eichborn Verlag).
Beschreibung: Humorvoller Fantasy-Roman, der auf der Figur des Käpt'n Blaubär basiert und zahlreiche Piraten- und Seefahrtsmythen persifliert.
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Piraten! von Celia Rees, 2003 (Carlsen).
Beschreibung: Historische Jugendfiktion über zwei Schwestern, die im Goldenen Zeitalter zur Piraterie finden.
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Die Abenteuer des Käpt'n Sharky von Jutta Langreuter & Silvio Neuendorf, ab 2006 (Coppenrath Verlag).
Beschreibung: Bekannte Bilderbuchreihe über den "kleinen Piraten" Sharky für Vorschulkinder.
14.5 Piratenlieder und Shantys
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Shanties: Lieder und Tänze der Seeleute von Stan Hugill, 1961 (Edition Maritim).
Beschreibung: Umfangreichste Sammlung von Seemannsliedern, die die mündliche Tradition der Arbeit auf dem Meer und in Häfen dokumentiert, einschließlich piratenbezogener Themen.
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Heave Ho! A Collection of Nautical Songs and Sea Shanties von Frank Shay, 1933 (Dover Publications).
Beschreibung: Eine frühe und einflussreiche Sammlung von Seemannsliedern, die zur Popularisierung des Genres beitrug.
14.6 Berühmte Piratenfilme und Dokumentationen
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Störtebeker (TV-Zweiteiler, Fiktion), Regie: Miguel Alexandre, 2006.
Beschreibung: Bekannte deutsche Verfilmung der Legende von Klaus Störtebeker und den Vitalienbrüdern.
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Terra X: Die Korsaren (Doku), ZDF / Terra X.
Beschreibung: Deutsche Dokumentation, die sich ausführlich mit den Barbaresken-Korsaren im Mittelmeer beschäftigt.
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Captain Blood (Fiktion), Regie: Michael Curtiz, 1935.
Beschreibung: Klassischer Abenteuerfilm (mit Errol Flynn), der das romantische Bild des edlen Piraten auf die Leinwand brachte.
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Black Sails (Serie, Fiktion), Regie: Robert Levine u.a., ab 2014.
Beschreibung: Prequel zur "Schatzinsel", das versucht, historische Genauigkeit (Politik, Piratenkodex) mit Fiktion zu verbinden.
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Fluch der Karibik (Reihe, Fiktion), Regie: Gore Verbinski u.a., ab 2003.
Beschreibung: Die populärste moderne Verfilmung, die viele Klischees (Magie, Jack Sparrow) zementierte.